Nahrain Al-Mousawi

Wir leben schon am Rand der Wirklichkeit: Perspektiven der arabischen Science-Fiction

(View at Neue Zürcher Zeitung)

Die arabische Science-Fiction muss nicht im Weltraum oder in Labors nach ihren Stoffen suchen. Zwischen den gleissenden Kulissen der Golf-Metropolen und von Gewalt und Repression umgepflügten Landschaften findet sie ein Territorium, in dem die Übergänge zwischen Realität und Utopie oder Dystopie oft fliessend scheinen.

Nahrain al-Mousawi

2014 entschied die Jury einmal anders. Der wichtigste Literaturpreis der arabischen Welt, der International Prize for Arab Fiction, ging an den Iraker Ahmed Saadawi für seinen Roman «Frankenstein in Bagdad»; ein Science-Fiction-Roman durchbrach die Reihe der sonst mehrheitlich im Realismus verankerten preisgekrönten Werke. Damit rückte das Genre auch ins Scheinwerferlicht der arabischen Literaturszene.

So kam man darauf, dass sich Vorformen der Science-Fiction in der arabischsprachigen Literatur bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Damals legte der Mediziner und Universalgelehrte Ibn al-Nafis seinen «Theologus Autodidactus» vor, der als einer der ersten theologischen Science-Fiction-Texte gilt. Der Autor erwähnt darin Konzepte wie die Spontanzeugung und beschliesst das als Bildungsroman aufgebaute Werk mit einer Vision der Apokalypse, die durch eine allmähliche Verlagerung der Sonnenbahn und den darauffolgenden Klimawandel herbeigeführt wird. Auch in den Märchen aus «Tausendundeiner Nacht» entdeckte man phantastische Erzählungen über Roboter, Unterwasserabenteuer und Reisen durch den Kosmos.

Science-Fiction, schreibt der Literaturwissenschafter Fredric Jameson, entstehe aus dem Verlangen heraus, sich «eine unvorstellbare Zukunft vorzustellen». Zu den treibenden Kräften gehört dabei oft das Ringen mit einer unerbittlichen und bedrohlichen Gegenwart – auch wenn diese nur finstere Zukunftsperspektiven zulassen mag. Wenn nun allerdings die «unvorstellbare Zukunft» der Science-Fiction letztlich nur eine Projektion gegenwärtiger Ängste ist, konfrontiert uns das auch mit einer unbequemen Frage: Was, wenn wir uns das Unvorstellbare nicht einmal extra vorzustellen brauchten?

Eines macht die arabische Science-Fiction immer wieder klar: Die phantastischen Grenzen, die sie ersinnt, sind oft schon da.

Hier zeigt sich die Differenz zwischen den eingangs erwähnten frühen Formen der Science-Fiction in der islamischen Welt und unseren heutigen postmodernen Erzählungen. Diese werden als Antwort auf spezifische geopolitisch bedingte Ängste verfasst, die sich in den Ländern des arabischen Kulturraums in unterschiedlichen Formen ausprägen. Die Wunder und die Bedrohungen sind nicht mehr universal wie Roboter, Weltuntergang oder Spontanzeugung, sondern historisch und regional determiniert; «Frankenstein in Bagdad», die auf das 21. Jahrhundert zugeschnittene Neufassung von Mary Shelleys 1818 erschienenem Roman, zeigt das mit aller Deutlichkeit. Der «Soundso», wie das Monster in der deutschen Übersetzung von Ahmed Saadawis Roman heisst, ist einer der lebenden Toten im Irak der Nachkriegszeit; er ist Symbol des bedrängten Lebens und der vielfältigen Arten des Sterbens – sei es durch die Verstümmelung des Leibes oder die Zerstörung der gesellschaftlichen Existenz –, die der lange, grausame Konflikt nach der amerikanischen Invasion von 2003 mit sich brachte.

Aber die «unvorstellbare Zukunft» sieht im Nahen Osten von Land zu Land anders aus. Schauen wir zum Beispiel auf die palästinensischen Gebiete – und über die Literatur hinaus. Der Lebensraum der Palästinenser ist faktisch auf eine Weise konfiguriert und rekonfiguriert, vernichtet und wiedergewonnen worden, welche die Realität ans Limit bringt; die Wirklichkeit kann dort schnell einmal irreal scheinen, das scheinbar nur Fiktive wirkt völlig plausibel. Und eine Politik, die in einer von Mauern und Checkpoints, Verboten und Bewilligungspflichten zerstückelten Topografie nur mehr den Stillstand verwalten kann, ist nie allzu fern davon, sich ins Imaginäre aufzulösen.

Wolkenkratzer in der Wüste

Eines macht die arabische Science-Fiction immer wieder klar: Die phantastischen Grenzen, die sie ersinnt, sind oft schon da, ziehen sich durch die verstörenden nationalen Landschaften der Gegenwart. Und wenn wir uns schon mit Orten auseinandersetzen, wo Fiktion und Realität zu konvergieren oder sich zu vermischen scheinen – müssen wir dann überhaupt noch versuchen, uns das Unvorstellbare vorzustellen?

Doch, ja. Wir müssen es tun, um uns über einige der politischen und kulturellen Implikationen einer solchen Konvergenz klarzuwerden. Die palästinensische Künstlerin und Filmemacherin Larissa Sansour etwa erkundet die Zukunft der Araber durch eine dystopische Linse. Aber wenn man, wie sie, in einem Land voller Wachtürme, Umfahrungen und Checkpoints lebt, das in A-, B- und C-Zonen zerfällt, dann ist es nicht ganz leicht, sich vorzustellen, wie man diese bereits dystopische Realität in ein Zukunftsszenario verlängern könnte. In ihrem Kurzfilm «Nation Estate» findet Sansour einen überraschenden Ansatz. Sie konstruiert eine Welt, in der die gesamte palästinensische Bevölkerung in einem sterilen Wolkenkratzer haust, einem einzigen gigantischen Bauwerk, wo die segregierten Territorien Stockwerk über Stockwerk gestapelt sind.

Die arabische Science-Fiction ist stark durch ihren historischen und geopolitischen Kontext geprägt. In jedem Werk werden nationale oder regionale Probleme und Phänomene bis an die Grenze ausgereizt. Die katarische Autorin, Künstlerin und Filmemacherin Sophia al-Maria legte mit «Sci-Fi Wahabi» eine aus Video, Kunstwerken und Text zusammengesetzte Produktion vor, in der sie über das Spannungsverhältnis zwischen rasanter Modernisierung und Traditionsgebundenheit in den Golfstaaten reflektiert. Mit Blick auf die hypermodernen Lebensformen, den globalisierten Konsum, die verkitschte Kultur und die politische wie auch gesellschaftliche Repression, die sie in ihrer Heimatregion vorfindet, baut al-Maria das Konzept des «Golf-Futurismus» weiter aus, das sie zusammen mit der Künstlerin Fatima al-Qadiri entwickelt hat. So übt sie Kritik an einer dystopischen Zukunft, die bereits Wirklichkeit geworden ist – in der paradoxen Gestalt einer schimmernden Skyline von Wolkenkratzern aus Stahl und Glas vor dem Wüstenhorizont.

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Mit beissender Ironie gestaltet Larissa Sansour in «Nation Estate» das künstliche Paradies für ihre Landsleute. (Bild: Larissa Sansour)

Schnittstelle Krieg

Tatsächlich sind die täglichen Schlagzeilen heute überall auf der Welt derart beängstigend, dass es nicht verwundern darf, wenn Dystopie zur einzigen Zukunft geworden ist, die wir uns vorstellen können. Wohl aus diesem Grund schreibt Istvan Csicsery-Ronay jr. in seiner bahnbrechenden Studie «The Seven Beauties of Science Fiction» von der Allgegenwart einer unheimlichen Entfremdung, die nicht allein im Prisma des Sci-Fi-Genres reflektiert werde, sondern in der generellen Drift unserer kulturellen Imagination. Wir würden, so der Literaturwissenschafter, der Science-Fiction vergleichbare Denkgewohnheiten entwickeln und damit «die Science-Fiction nicht mehr nur als Formelrepertoire betrachten, das die genretypischen Effekte produziert, sondern als eine Bewusstseinsform, die man ‹Science-Fiktionalität› nennen könnte; einen Reaktionsmodus, der Erfahrungen kontextualisiert und überprüft, als wären sie Aspekte einer Science-Fiction-Story».

Das Militär zieht heute Science-Fiction-Autoren und andere Futurologen bei, um die Kriege von morgen zu planen.

Ich persönlich glaube, dass diese Science-Fiktionalisierung des Denkens von der Situation des Nahen Ostens und der Virtualisierung seiner Konflikte vor den Augen der Weltöffentlichkeit massgeblich mitgeprägt ist. Wenn wir die Konvergenz von Science-Fiction und Wirklichkeit auf ihre politischen und kulturellen Implikationen hin betrachten, dann ist es augenfällig, dass insbesondere die Kriegsrealität sich längst unauflöslich mit der Unterhaltungsindustrie, der Science-Fiction und digitalen Technologien verquickt hat.

Denken wir nur einmal an die Folgen des «Joystick-Kriegs», bei dem Menschen – etwa in Jemen oder im Irak – gesetzeswidrig durch Drohnen getötet werden, die aus einer Distanz von mehreren tausend Kilometern gelenkt werden. Für die Soldaten oder Milizionäre, die diese Drohnen steuern, ist «diese ‹virtuelle› Tätigkeit von einem Shooter-Game kaum mehr zu unterscheiden; nur, dass es reale Menschen sind, die sterben», schreibt Stephen Graham in «Cities, War, and Terrorism». Und in Chris Hables Grays Studie «Postmodern War: The New Politics of Conflict» ist nachzulesen, wie durchlässig die Grenzen zwischen Realität und Science-Fiction in der Kriegsführung mittlerweile geworden sind: Das Militär zieht nicht nur Science-Fiction-Autoren und andere Futurologen bei, um die Kriege von morgen zu planen, es rekrutiert auch halbwüchsige Video-Gamer, um diese Konflikte auszufechten.

Nicht mehr nur Staffage

In Anbetracht dieser Tatsachen könnte man meinen, dass sich in der Rolle des Nahen Ostens und Nordafrikas nicht viel verändert hat: Sie sind nach wie vor nur Versatzstücke in westlichen Erzählungen – Landschaften und Figuren, wie man sie in «Dune» oder «Star Wars» zu sehen bekommt.

Jetzt aber, mit dem Hervortreten der arabischen Science-Fiction, wird die Region mehr als blosse Staffage. Kehren wir nochmals zu «Frankenstein in Bagdad» zurück. Wie in vielen anderen Werken der spekulativen oder Sci-Fi-Literatur geht es dort um die Zukunft – das Nachleben – der Toten. Aber Ahmed Saadawis Roman führt nicht Zombie-Horden vor, in deren Wüten sich allenthalben auf der Welt bestehende Ängste spiegeln. Das irakische Monster hat eine ganz spezifische Mission: Es soll die Gewaltopfer rächen, aus deren Körperteilen sein eigener Leib zusammengesetzt ist – und damit ist es buchstäblich eine Verkörperung der Ängste, welche die Menschen im Irak nach 2003 umtrieben.

Es ist unmöglich, das im Roman Geschilderte aus dem Kontext eines Landes zu lösen, dessen Kriege oft von fremden Mächten ferngesteuert wurden – nicht nur auf strategischer Ebene, sondern teilweise auch auf derjenigen der Waffen, die zum Einsatz kamen. Saadawis Buch ist damit eine Antwort auf Mechanismen der Kriegsführung, welche die Grenze zwischen Realität und Science-Fiction immer durchlässiger werden lassen.

Nahrain al-Mousawi ist Dozentin für postkoloniale englischsprachige Literatur an der Universität von Balamand in Libanon. Daneben schreibt sie regelmässig in internationalen Publikationen über Literatur und Populärkultur der arabischen Welt. – Aus dem Englischen von as.

 

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This entry was posted on October 26, 2019 by in .

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